Als Samuel Kohn 1907 die Schule mit begründete, aus der das heutige Meranier-Gymnasium hervorging, konnte er nicht ahnen, dass auch seine Familie 114 Jahre später mit im Zentrum einer außerordentlichen und denkwürdigen Veranstaltung stehen würde.

Was im September 2019 mit dem P-Seminar „Stolpersteine“ begann, fand am 25. März 2021 einen würdigen Abschluss, allerdings nicht wie geplant als große Präsenzveranstaltung, sondern coronakonform auf der Plattform des CHW (Colloquium Historicum Wirsbergense), wo uns dank der Hilfe von Professor Dr. Dippold ein würdiger Rahmen mit einer ebensolchen Moderation ermöglicht wurde. Dafür sei an dieser Stelle schon einmal großer Dank gesagt.

Es war eine Reise zurück in das 20. Jahrhundert, in das kleine Lichtenfels mit seinen mehr als 30 jüdischen Familien, unter anderem eben auch der Familie Kohn, die 14 Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Seminars unternahmen. Viel Recherchearbeit war zu leisten, altes Zeitungsmaterial wurde gesichtet, im Internet geforscht, Bildmaterial musste gefunden werden und die Texte für die Homepage der Stadt Lichtenfels namens „Stolpersteine“ wurden von den Schülerinnen und Schülern in Deutsch und Englisch geschrieben.

Höhepunkt des Seminars war aber sicherlich jener Donnerstag, der 25. März 2021, an dem fünf Schülerinnen und Schüler „ihre“ vier Familien und deren Schicksale einer interessierten Öffentlichkeit präsentierten und wo sich Interessierte und Nachfahren von England über Amerika bis nach Argentinien im digitalen Raum trafen. Was für ein Ereignis! Über vierhundert Teilnehmer wurden gezählt, und wer die Veranstaltung nachempfinden möchte, kann sich die Aufzeichnung unter https://vimeo.com/530066529 ansehen.

Hier sollen nun kurz die vier während des Zoom-Meetings vorgestellten Familien und ihre Laudatoren erwähnt werden. Nähere Informationen und weitere behandelte Biografien findet man auf der Seite www.stolpersteine-lichtenfels.de.

Familie Pauson (vorgestellt und recherchiert von Bastian Girschke und Paul Dörrzapf)

Das Bild zeigt die Familie Pauson, Vater Robert, Mutter Emilie und die Tochter Margit im Jahre 1938 nach einer Rückkehr aus dem Urlaub in Italien. Kurz darauf gelang es Emilie Pauson, mit ihrer Tochter nach England zu fliehen, wo der Ehemann sich auf Geschäftsreise befand. Emotionales Highlight des Abends am 25. März war die virtuelle Anwesenheit von Margit Pauson Vercoe, einer heute 93-jährigen alten Dame (das 10-jährige Mädchen auf dem Foto!), und ihren beiden Kindern, die uns in deutscher Sprache begrüßten.

Willy Marchand (recherchiert und vorgestellt von Andreas Franke)

Willy Marchand war Opfer der „Aktion T4“ (Ermordung von über 70.000 Behinderten) und wurde 1940 in Hartheim bei Linz ermordet, nachdem er vorher knapp fünf Jahre in Kutzenberg verbracht hatte.

Familie Grünhut (recherchiert von Annika Steiner und Luca Förtsch, vorgestellt von Luca Förtsch)

Familie Grünhut im Jahr 1928 vor ihrem Geschäft, heute ist hier die Firma Deuber Moden.

Luca Förtsch stellte das Leben von Sally Grünhut vor, der 1939 mit seiner Tochter und deren Ehemann in die USA auswandern konnte. Auch hier war es uns eine große Freude, Margie Wolfe, die Urenkelin von Sally, die stets eine große Unterstützung bei der Recherche war, und viele weitere Verwandte begrüßen zu dürfen.

Familie Kohn (recherchiert von Christian Robisch und Max Skotnica, vorgestellt von Marie Weisser)

Und hier schloss sich nun der Kreis, denn auf diesem Bild, aufgenommen 1934 im heutigen Altbau des Meranier-Gymnasium Lichtenfels, sieht man den jungen Walter Kohn (erste Reihe, 2. v.r.). Er war der letzte jüdische Schüler an der „Hans-Schemm-Realschule“, bis man ihn trotz herausragender Leistungen Ostern 1936 wegen seiner Herkunft der Schule verwies. Er schaffte mit seiner Mutter die Flucht aus Deutschland und wurde später Professor für Ökonomie und Politische Wissenschaften an der Illinois State University in den USA.

Schon das Foto von 1934 will genauer gelesen werden: Viele der Schülerinnen und Schüler tragen HJ- bzw. BdM-Uniformen (sie sitzen folgerichtig blockweise), der Lehrer hat einen Hitlerbart, an der Wand hängen Portraits von Hitler und Hindenburg. Walter Kohn blickt skeptisch und verschränkt (als einziger) die Arme – eine Geste der Abwehr. Seine Tochter Sharon, auch ihr gilt unser großer Dank für ihre Unterstützung, nahm am 25. März 2021 an der Online-Konferenz teil.

So bleibt es nur noch, allen Beteiligten große Anerkennung auszusprechen für knapp zwei Jahre intensive Arbeit, eine gelungene Homepage und eine eindrucksvolle Präsentation. Hoffen wir nun, dass die Stolpersteine 2022 in einer öffentlichen Zeremonie verlegt werden können.