Am 17. September 2026 organisierten die Fachschaften Kunst und Französisch gleich in der ersten Woche des jungen Schuljahres 2026/27 für die Schülerinnen und Schüler der 10a und aller 11. Klassen in jeweils drei Unterrichtsstunden ein besonderes Highlight: Räumlich war der Weg der Exkursion kurz und führte die Klassen, begleitet von Carolin Carbone (Französisch) und Simone Föhl-Wais (Kunst), in die Neue Filmbühne Lichtenfels, wo jedoch ein weiter Bogen zu der im französischen Alpenvorland in der Provence ansässigen Flechtkulturvereinigung „L’Oseraie du Possible“ („Das Weidenland der Möglichkeiten“) geschlagen wurde.
Zwei Kunstschaffende des Kollektivs, die anlässlich des Flechtkultur-Festivals gastierten, empfingen die Jugendlichen auf Französisch mit ungewöhnlichen Kinotickets: Alle erhielten einen Fisch aus Weidenruten und betraten, ausgestattet mit einer deutsch-französischen Vokabelliste zur Korbflechterei (la vannerie), gespannt den Kinosaal. In dem etwa 15-minütigen, von Hand gezeichneten französischen Kurzfilm „Un brin d’espoir“/ A strand of hope“, der am darauffolgenden Korbmarkt-Wochenende beim Kurzfilmfestival den Publikumspreis gewann, bewegten sich die Schüler weit zurück bis zu den Anfängen der Flechtwerkgestaltung in der frühen Menschheitsgeschichte.
Aus der Perspektive von Ariadne, die als Muse der Flechtkunst auftrat, wurden die vielfältigen Geflechte in der Natur beleuchtet: Spinnennetze, Kletterpflanzen und sogar der gewundene DNA-Strang. Aus dieser Inspiration heraus entstanden Behausungen, Kleidungsstücke und Behältnisse, die das Überleben der ersten Menschen sicherten. Später wurde der Homo Sapiens erfinderischer. Mithilfe eines Heißluftballons (une montgolfière) erhob er sich schließlich in einem geflochtenen Korb (un panier tressé) sogar in die Lüfte. Andererseits wurde das menschliche Bestreben immer zerstörerischer: Auch beim Transport von Waffen oder als Schutz vor Angriffen fand Flechtwerk Verwendung.
Schließlich kehrte sich die Menschheit, zu Ariadnes Entsetzen, jedoch völlig von den natürlichen Materialien ab, die zum Flechten von allerhand Nützlichem das Leben so lange geprägt hatten: Statt Weide (l’osier), Binsen (les naux), Stroh (la paille), Bambus (le bambou) und Co. überall Plastik und Beton! Müllberge, eine zerstörte Umwelt und eine von der Natur abgeschnittene Gesellschaft sind die spürbaren Folgen dieser Abkehr. Ariadne jedoch, so zeigte es der Film, ist noch immer unter uns: Sie inspiriert uns, bringt uns beim Flechten zusammen, regt unsere Fantasie an und repariert unsere Verbindung zur Natur. (Ariadne nous inspire, nous rassemble autour de la vannerie, stimule notre imagination et répare notre lien avec la nature.) Diese zentrale Botschaft, die uns der Korflechter (le vannier) Florian Mannaioni an diesem Tag mitgab, um uns den besonderen Zauber und die Schönheit der Flechtkunst näherzubringen, durften die Klassen im Anschluss mit all ihren Sinnen erfahren: Wie riecht eine Weidenrute (un brin d’osier)? Wie fühlt sich das feuchte Holz (le bois trempé) an? Wie weit kann man es biegen (courber) und wann bricht es? Mit viel eigenständigem Erproben und französisch-englischen Anleitungen flochten die Klassen das Innere des Fisches aus, den sie am Anfang bekommen hatten und kamen – teilweise sogar auf Französisch – mit den Kunstschaffenden ins Gespräch: C’est quel bois? Comment fait-on? Je dois plier ici?
Am Ende hielten alle ein erstes eigenes Flechtkunstwerk in den Händen, das als Schattenbild vor der Kinoleinwand schwimmen durfte. Im Vorraum des Kinos erwartete eine Flechtwerk-Ausstellung (une exposition de vannerie) die Heranwachsenden, in der der Anbau und die Verarbeitung der Weide sowie die technische Vielfalt des Handwerks eindrucksvoll demonstriert wurden. Auch ein Flechtkunstwerk der in Italien und Frankreich tätigen Korbflechterin (la vannière) Alexandra Klaus, die einst bei uns in Lichtenfels das Handwerk erlernte und uns beim Flechten anleitete, durften wir bewundern.
Um viele Eindrücke reicher traten die Klassen im Anschluss den Rückweg an. Ein besonderer Dank für die Finanzierung und Programmplanung geht an das Zentrum Europäischer Flechtkultur Lichtenfels e.V., die Rainer Markgraf Stiftung und die Flechtkulturvereinigung „L’Oseraie du Possible“, die uns diese internationale Begegnung und den hautnahen Kontakt mit einem selten gewordenen regionalen Handwerk ermöglichten.
– Simone Föhl-Wais, StRin, und Carolin Carbone, StRin